Zum Inhalt springen
...rockt ohne Ende

Galax Acheronian - Erstkontakt - Koloniewelten 04


einz1975

Empfohlene Beiträge

Von Beginn an dreht sich die epische Saga um die Koloniewelten von Galax Acheronian um die radikalen gesellschaftlichen und politischen Veränderungen auf der Erde. Die Menschheit hat sich unter einer autoritären Herrschaft neu organisiert: Die Geschlechter werden strikt voneinander getrennt, der Glaube an Gott ist nicht nur allgegenwärtig, sondern in Form eines Gesetzes festgeschrieben. Jeder, der sich gegen diese Doktrin auflehnt, wird gnadenlos hingerichtet. Selbst unabhängiges Denken wird bestraft, denn nur durch absolute Kontrolle, so lautet die offizielle Rechtfertigung, kann der Weltfrieden garantiert werden. Die Hauptgeschichte folgt einer Gruppe junger Kadetten auf einem Patrouillenflug an den Grenzen des menschlichen Reiches. Während ihres routinemäßigen Einsatzes taucht plötzlich ein Raumschiff auf, das eine längst vergessene Zivilisation zurück in das Bewusstsein der Menschen rückt: die Bewohner von Anaximenes. Einst aus der menschlichen Gesellschaft ausgestoßen, suchen sie nun wieder den Kontakt zu ihren ehemaligen Verwandten. Ihr Ziel ist klar: Nur mit der Unterstützung der Menschen können sie ihr Raumfahrtprogramm weiterführen. Doch sie bringen nicht nur einen verzweifelten Wunsch nach Kooperation mit sich, sondern auch bahnbrechende Technologien, die selbst den fortschrittlichsten Errungenschaften der Erde weit überlegen sind. Doch stellt sich die entscheidende Frage: Kann der fanatische Glaube, der die Menschheit regiert, über seinen eigenen Schatten springen und die Hand zur Versöhnung reichen?

Bevor diese Hauptgeschichte beginnt, erhalten wir noch einen tieferen Einblick in die jüngste Vergangenheit: Wir begegnen dem ersten Menschen, der jemals das gedankenlesende LCD benutzt hat. Inzwischen ist er ein angesehener Ermittler und mit der Untersuchung des Verschwindens mehrerer Kolonisten betraut. Ein kleiner Junge gerät ins Zentrum der Nachforschungen, und schon bald wird klar, dass es sich nicht um ein Einzelfall handelt. Menschen sind bereits zuvor auf mysteriöse Weise verschwunden. Ist das System doch nicht so lückenlos, wie es die Obrigkeit glauben machen will? Die zweite Nebengeschichte spielt auf Anaximenes und erzählt vom Schicksal einer Frau, die alles verloren hat: ihre Familie, ihren Lebenswillen, ihre Hoffnung. Ein junger Mann, der an ihrer einstigen Brillanz als Wissenschaftlerin festhält, versucht sie für das Raumfahrtprogramm zu rekrutieren. Mit viel Geduld und Überzeugungskraft gelingt es ihm, sie aus ihrer Lethargie zu reißen. Doch hinter dieser persönlichen Wiederauferstehung verbirgt sich eine tiefere Tragik, die direkt mit den grausamen Taten der totalitären Partei der Erde in Verbindung steht.

Auf der U.T.S. Nessa zeigt sich der erschreckende Einfluss des dogmatischen Glaubens besonders drastisch. Männer und Frauen leben in strikt getrennten Bereichen, Frauen werden als minderwertige Wesen betrachtet und haben nur eine Funktion: die Fortpflanzung. Diese Darstellung ist so erschütternd, dass sie selbst beim lesen Unbehagen hervorruft. Im Text wird noch ausführlicher dargelegt, wie diese Gesellschaftsordnung im Detail funktioniert und welche absurden und grausamen Regeln sie prägen. Gleich zu Beginn erhalten die Kadetten eine eindringliche Lektion über die allumfassende Macht der Kirche. Der Patron des Schiffes, ein fanatischer Geistlicher, führt vor versammelter Mannschaft eine brutale Bestrafung durch: Ein Mann, der sich vom Glauben abgewandt hat, wird öffentlich gefoltert. Diese Szene dient nicht nur als abschreckendes Exempel für die jungen Kadetten, sondern auch als unmissverständlicher Hinweis darauf, was den Leser im Verlauf der Geschichte erwartet: ein fanatisches, narzisstisches und völlig vernarrtes System, verkörpert durch einen ekelerregenden, unerträglichen Prediger, dessen Worte und Taten nur schwer zu ertragen sind.

Doch unter den Kadetten regt sich langsam Widerstand. Einige beginnen zu zweifeln, hinterfragen die Lehren der Kirche und erkennen, dass die Realität komplexer ist als die offiziellen Dogmen. Der Einsatz von Drogen zur hormonellen Kontrolle spielt dabei eine entscheidende Rolle: Wer sie nicht nimmt, beginnt anders zu denken, anders zu fühlen und Frauen nicht mehr als Bedrohung, sondern als gleichwertige Wesen wahrzunehmen. Dennoch bleibt die Indoktrinierung tief verwurzelt, und der Kampf gegen jahrzehntelange Manipulation ist mühsam. Autor Galax Acheronian nimmt sich viel Zeit, um die Grausamkeit und den blinden Hass der Kirche gegenüber Andersdenkenden in aller Härte darzustellen – vielleicht für manche Leser sogar zu viel. Während sich die Geschichte entfaltet, entsteht unweigerlich der Wunsch, sich mehr mit technischen Details der Raumschiffe oder den faszinierenden außerirdischen Kulturen auseinanderzusetzen, anstatt sich immer wieder mit den erschütternden Lehren der fanatischen Geistlichen zu befassen.

Fazit:
Wenn der Glaube zum Gesetz wird, zeigt sich, wie fatal es ist, Religion und Politik zu vermischen. Während in unserer Realität die individuelle Glaubensfreiheit ein Grundpfeiler der Demokratie ist, herrscht in dieser düsteren Zukunft eine erbarmungslose Theokratie, die an die schlimmsten Kapitel der menschlichen Geschichte erinnert. Die Geistlichen führen einen unbarmherzigen Krieg gegen alle, die anders denken oder anders sind – mit Methoden, die an die Kreuzzüge oder Hexenverfolgungen erinnern. Beim Lesen dieser Geschichte wird einem ohne Zweifel übel, denn die darin enthaltenen Satzkonstruktionen und Szenen führen uns vor Augen, wie weit religiöser Fanatismus gehen kann. Ist es denkbar, dass in einer dystopischen Zukunft bereits ein einziger ungläubiger Gedanke den Tod bedeuten kann? Die beiden Kurzgeschichten dienen als gelungene Einführung in die Hauptgeschichte, auch wenn es diesmal fast unerlässlich erscheint, auch Teil 03 gelesen zu haben, um alle Zusammenhänge vollständig zu erfassen. In diesem Band offenbart Galax Acheronian den wohl erschreckendsten Aspekt der menschlichen Entwicklung: eine dystopische, bedrückende Zukunft, in der Menschen gezwungen sind, vor dem Gesetz zu fliehen – und Gott ihnen nicht zur Seite stehen kann. Die Parallelen zur NS-Zeit sind unverkennbar, und doch betreten wir hier nicht die Vergangenheit, sondern eine beklemmende Zukunftsvision. Als Science-Fiction-Fan hätte ich mir mehr Fokus auf technologische Aspekte gewünscht, anstatt so tief in die Thematik von Glauben und Unterdrückung einzutauchen. Wer jedoch die gesamte Geschichte der Koloniewelten erleben möchte, kommt um diesen erschütternden und bitteren Teil der Saga nicht herum.

Matthias Göbel

Autor: Galax Acheronian
Taschenbuch: 292 Seiten
Verlag: TWENTYSIX / Selfpublisher
Veröffentlichung: 03.09.2020
ISBN: 9783740766757

www.acheronian.de

 

712N3UjrxKL._SL1500_.jpg

Bearbeitet von einz1975
Link zu diesem Kommentar
Auf anderen Seiten teilen

Bitte melde Dich an, um einen Kommentar zu hinterlassen

Du kannst nach der Anmeldung einen Kommentar hinterlassen



Jetzt anmelden
  • Bilder

×
×
  • Neu erstellen...

Wichtige Information

Diese Seite verwendet Cookies um Funktionalität zu bieten und um generell zu funktionieren. Wir haben Cookies auf Deinem Gerät platziert. Das hilft uns diese Webseite zu verbessern. Du kannst die Cookie-Einstellungen anpassen, andernfalls gehen wir davon aus, dass Du damit einverstanden bist, weiterzumachen. Datenschutzerklärung Beim Abensden von Formularen für Kontakt, Kommentare, Beiträge usw. werden die Daten dem Zweck des Formulars nach erhoben und verarbeitet.