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...so lecker wie die krosse Krabbe!

Dan Simmons - Monde


einz1975

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In den 1960er-Jahren erlebte die Menschheit eines der eindrucksvollsten Raumfahrtprogramme ihrer Geschichte: das Apollo-Programm. Menschen betraten erstmals einen fremden Himmelskörper – eine Leistung, die bis heute als technologische und wissenschaftliche Meisterleistung gilt. Einer der Glücklichen, die dieses Ereignis nicht nur miterleben, sondern aktiv daran teilhaben durften, war Astronaut Richard Baedecker. Doch eine Reise zum Mond hinterlässt nicht nur Spuren auf der staubigen Oberfläche des Trabanten, sondern auch in der Seele derer, die sie unternahmen. Jahre später versucht Baedecker herauszufinden, was dieser einzigartige Moment mit ihm gemacht hat, wie er ihn veränderte – und vielleicht sogar zerstört hat. Er entscheidet sich für einen radikalen Neuanfang, gibt seinen Job auf und begibt sich auf eine Reise, die ihn nicht nur geografisch, sondern auch emotional an seine Grenzen bringt.

Sein erster Halt führt ihn nach Indien – nicht zufällig, denn sein entfremdeter Sohn befindet sich ebenfalls dort. Beide Männer sind auf der Suche nach sich selbst, nach Antworten auf Fragen, die sie lange verdrängt haben. Doch können sie sich gegenseitig helfen? Oder ist dies nur der Beginn eines langen, verschlungenen Pfades, an dessen Ende vielleicht nicht die erhoffte Klarheit wartet? Der Autor nimmt sich viel Zeit, um Szenen und Orte detailreich zu beschreiben. Als Leser taucht man unweigerlich tief in Baedeckers Innenwelt ein. Seine Vergangenheit wird Stück für Stück enthüllt: die gescheiterte Ehe, die zunehmende Entfremdung von seinem Sohn, die rastlose Arbeit, die ihn so lange antrieb – und vielleicht zugleich von sich selbst entfernte. Das Wiedersehen zwischen Vater und Sohn verläuft distanziert, fast kühl. Sie wechseln kaum Worte, und keiner scheint bereit oder fähig, sich wirklich zu öffnen.

Indien, mit all seiner Spiritualität und Suche nach Erleuchtung, bietet für Baedecker keine Antworten – also kehrt er in die USA zurück, doch seine Reise ist noch lange nicht zu Ende. Zurück in seiner Heimatstadt wird er als Held gefeiert. Eine kleine Parade, ein Fest zu seinen Ehren – eine Erinnerung an die Zeit, in der er für viele ein Vorbild war. Doch er selbst zweifelt daran, ob er jemals etwas wirklich Besonderes war. Ist er nicht einfach nur ein Mann in einem Raumanzug gewesen, ein einfacher Mensch mit Fehlern und Unsicherheiten? Und doch: Für andere bleibt er ein Idol. Ein Junge schreibt über ihn einen Schulaufsatz, hat Poster von der Mondlandung in seinem Zimmer, träumt davon, selbst Astronaut zu werden. All das bringt Baedecker ins Nachdenken. Hat er eine Verantwortung gegenüber denjenigen, die in ihm einen Helden sehen? Oder ist es an der Zeit, sich endlich von diesem Bild zu lösen und sein eigenes Leben zu führen? Seine Suche führt ihn weiter, diesmal auf eine Bergwanderung. Dort begegnet er zufällig Maggi – eine Frau, die er bereits in Indien kennengelernt hat. Ein Schicksal oder nur ein weiterer Zufall?

Währenddessen wird auch deutlich, dass nicht nur Baedecker von seiner Mondreise gezeichnet wurde. Seine ehemaligen Kameraden haben sich ebenfalls verändert. Einer von ihnen, Dave, verbrachte sein Leben als Testpilot in engen Kabinen, immer auf der Suche nach dem nächsten Adrenalinkick. Sie sprechen über alles – über das Leben, den Tod und die Frage, was danach kommt. Mit fortschreitender Handlung wird die Grundstimmung zunehmend melancholischer. Richard verliert sich immer mehr in seinen Gedanken, scheint ziellos umherzudriften. Erst der Tod eines Weggefährten zwingt ihn, sich mit der Endlichkeit des Lebens auseinanderzusetzen. Es ist ein Wendepunkt. Er findet wieder einen Zugang zu seinem Sohn, lernt eine junge Frau kennen, die ihm neuen Lebensmut schenkt, und erkennt, dass es an ihm liegt, sein Leben nicht in Einsamkeit enden zu lassen. Der gefeierte Held muss akzeptieren, dass er am Ende nur ein Mensch ist – ein Mensch, der lieben, loslassen und neu beginnen kann.

Fazit:
Einmal Mond und wieder zurück! Es ist kaum vorstellbar, was es bedeutet, Teil einer so monumentalen Mission gewesen zu sein. Die monatelangen Trainings, die Simulationen, die unzähligen medizinischen Untersuchungen – all das schweißt ein Team unweigerlich zusammen. Doch was geschieht, wenn der Höhepunkt des Lebens vorbei ist? Wenn die Welt sich weiterdreht, während man selbst in der Vergangenheit gefangen bleibt? Der Autor wechselt geschickt zwischen verschiedenen Zeitebenen. Vergangene Erinnerungen verschmelzen mit der Gegenwart, mal abrupt, mal fließend – eine Struktur, die erstaunlich gut funktioniert, auch wenn manche Szenen sich weniger relevant anfühlen. Sie geben der Geschichte zwar Tiefe, verraten aber nicht unbedingt mehr über die Hauptfigur oder deren Entwicklung. Dennoch bleibt die Erkundung von Baedeckers innerem Kosmos faszinierend. Besonders die Details über die Mondmission wirken authentisch, fast dokumentarisch – als könnte alles genau so passiert sein. Das Ende hingegen hinterlässt gemischte Gefühle. Einerseits ist es konsequent, andererseits wirkt es stellenweise zu inszeniert. Dennoch hat der Autor eine interessante Reise geschaffen – nicht nur durch die Welt, sondern durch das Innere eines Mannes, der nach Bedeutung sucht. Eine Geschichte für all jene, die sich selbst verloren haben, ohne zu bemerken, dass die Antworten oft näher sind, als sie denken. Ein Roadtrip durch die Seele, der zeigt, dass es manchmal nur einen Perspektivwechsel braucht, um zu erkennen, dass man bereits angekommen ist.

Matthias Göbel

Autor: Dan Simmons
Übersetzung: Joachim Körber
Taschenbuch: 417 Seiten
Verlag: Heyne Verlag
Veröffentlichung: 02.10.2009
ISBN: 9783641033101

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